Antijüdisches
Theater Im
Spätmittelalter

Antijüdisches
   Theater Im
Spätmittelalter

Die
Bedrohung
auf der
Bühne

Carlotta Posth

Im späten Mittelalter boomt das Theater: Die Aufführungen der sogenannten Spiele dauern oft mehrere Tage und ziehen Scharen schaulustiger Menschen in die Städte. In einer Zeit ohne Radio, Fernsehen und Internet ist das Theater ein Massenmedium, das Menschen aus allen Bevölkerungsschichten erreicht und zu beeinflussen vermag. Ein Fall aus der Stadt Nürnberg zeigt, wie das Theater dazu genutzt wird, das Publikum von einer Bedrohung zu überzeugen, die zwar keine reale Grundlage, aber dennoch schwerwiegende Auswirkungen hat.

Bild: Portrait von Hans Folz – Hans Schwarz, um 1520.

Ein Fall Aus
Der Stadt Nürnberg

Nürnberg Ende des 15. Jahrhunderts: Der Stadtrat versucht seit Jahren, die ortsansässige jüdische Bevölkerung zu vertreiben und sich ihren Besitz anzueignen. Dafür benötigt er jedoch die Genehmigung des Königs, die dieser zunächst verweigert. Genau in jener Zeit schreibt der Nürnberger Wundarzt und Schriftsteller Hans Folz eine Reihe von judenfeindlichen Fastnachtspielen, die mit Billigung des Stadtrats aufgeführt werden. Diese Spiele stellen die Juden (tatsächlich tauchen Jüdinnen darin nicht auf) als Feinde des Christentums und als Bedrohung für alle Einwohner*innen dar. Wir werfen hier einen genaueren Blick auf das drastischste dieser Spiele, das zwischen 1486 und 1494 geschrieben und aufgeführt wurde: Der Juden Messias.

Was bedroht uns?

Der Juden Messias beginnt mit der Ankunft des Herzogs von Burgund zur Fastnachtszeit in Nürnberg. Der Adlige trifft auf die Prophetin Sibilla, die ihm von einer Verschwörung der Juden berichtet: Diese würden behaupten, ihr Messias sei gekommen und werde sie bald zur Weltherrschaft führen. Die Prophetin entlarvt den jüdischen Messias im Verlauf des Spiels als Betrüger und Antichristen. Sie ringt ihm ein Geständnis über die jüdischen Machenschaften ab, das sämtliche antijüdische Legenden bestätigt, die zu der Zeit bestanden. So »gesteht« der falsche Messias zum Beispiel, dass die Juden christliche Kinder entführen und in Ritualen töten würden. Dadurch, dass das Geständnis einer jüdischen Figur in den Mund gelegt wird, erscheint es besonders glaubwürdig. Auf diese Weise verfestigt das Spiel judenfeindliche Vorurteile bei seinem Publikum und lässt die Juden als reale Bedrohung erscheinen.

Illustration: Disputation zwischen Juden und Christen, Holzschnitt, 1488; Gemälde (Ausschnitt): Sibylle von Cumae – von Andrea del Castagno, um 1450
Textauszug Das »Geständnis«
des Judenmessias
Wir han nw talast vngemach
Gehabt wol xiiijc jar
Vnd in solicher zeit furwar
Gar vil geliden von den cristen.
Ja, wann sie dennoch dabei wisten,
Was grosser fluch, was haß vnd neit
Wir in stet han getragen seit,
Wie vil groß guts in abgeraubt,
Wie vil an irem leben getaubt,
Der ertzet wir gewesen sein,
Wie vil der jungen kindelein
In abgestolen vnd getot
Vnd mit irem keuschem plut gerot
Vnd die euch cristen abgefurt
Zu smach der jerlichen gepurt
Jhesu, die ir ewig beget,
Des haß vnd neyd vns so bestet,
Das es all vnser frewd vertreibt quotes

Wir haben nun bis heute 
wohl 1400 Jahre Schmerzliches erfahren
und in so langer Zeit wahrlich
durch die Christen gar viel gelitten.
Ja, wenn sie jetzt noch wüssten,
was wir an schweren Verfluchungen, was an Hass und Missgunst 
seitdem auf sie gewendet haben, 
wie viel an reichem Besitz wir ihnen geraubt,
wie vieler Leben wir vernichtet haben,
deren Ärzte wir gewesen sind,
wie viele kleine Kinder
wir ihnen geraubt und getötet
und mit ihrem reinem Blut gerötet
und sie euch Christen entführt haben, 
um die alljährliche Feier der Geburt Jesu,
die ihr fortwährend begeht, verächtlich zu machen.
Der Hass und Neid auf ihn setzten uns so zu,
dass es all unsere Freude zunichte macht.

Wer sind wir?

Das Spiel bezieht die jüdische Bedrohung unmittelbar auf die Bewohner*innen Nürnbergs. Weil die Handlung in Nürnberg zur Fastnachtszeit spielt – ebenjener Zeit, in der Der Juden Messias auch aufgeführt wurde –, lässt sie die Bedrohung aktuell erscheinen. So kann das Publikum leicht die auf der Bühne dargestellten Juden mit der tatsächlich in der Stadt lebenden jüdischen Bevölkerung gleichsetzen und das Gefühl entwickeln, selbst bedroht zu sein. Über das klare Feindbild erzeugt das Spiel gleichzeitig ein starkes Wir-Gefühl: Das Publikum soll sich einer gemeinsamen Identität bewusst werden, nicht nur als Bewohner*innen der Stadt Nürnberg, sondern vor allem als Christ*innen.

Infografik Tatsächlich eine Bedrohung?
Die jüdische Bevölkerung Nürnbergs

Tatsächlich
eine Bedrohung?
Die jüdische Bevölkerung Nürnbergs

Im 15. Jahrhundert war die wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung Nürnbergs sehr schlecht und viele verließen die Stadt. Jene Familien, die blieben, waren zu großen Teilen verarmt. Am Ende des 15. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde 150 bis 200 Mitglieder (bei mehr als 28.000 Stadtbewohner*innen insgesamt). Im 14. Jahrhundert waren es noch deutlich mehr gewesen. Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass es die in den Spielen behaupteten Verbrechen tatsächlich gegeben hätte.

Was brauchen wir?

Die Aufführung des Schauspiels fällt in eine Zeit, in der der Stadtrat ohnehin bemüht ist, die königliche Genehmigung für den Ausschluss der jüdischen Stadtbewohner*innen zu erlangen. Im Stück wird die Ankunft des Herzogs mit seiner militärischen Stärke als notwendige Voraussetzung dafür dargestellt, dass die Machenschaften der Juden aufgedeckt und sie vertrieben werden können. Die Prophetin Sibilla führt dem Herzog die Verschwörung vor Augen und mit Hilfe seiner Soldaten werden die Juden bestraft. Das Schauspiel kann so als politisches Mittel genutzt werden, um ein judenfeindliches Klima in der Stadt zu schaffen und baut einen politischen Druck auf die Obrigkeit auf, den Handlungsempfehlungen des Stücks zu folgen. Dies zeigt, wie in einer Zeit vor den modernen Massenmedien ein Medium wirkmächtig für politische Zwecke und zur Beeinflussung der Meinung der Bevölkerung genutzt werden konnte.

Bild: Aufführung des Martyriums von Sainte Apolline – Jean Fouquet, um 1452-1460
Video Carlotta Posth über ihre Forschung

Was tun wir?

Eine Sau wird herbeigebracht und die Juden werden vom Herold des Herzogs von Burgund angewiesen, sich unter sie zu legen. Der Messias muss sich unter den Schwanz legen. quotes

Die Maßnahmen, die in Der Juden Messias durchgesetzt werden, um die Bedrohung zu bewältigen, sind drastisch: Nach dem Geständnis des falschen Messias werden er und die Juden bestraft, enteignet und aus der Stadt vertrieben. Dabei ist die Strafe besonders erniedrigend. Die Juden und ihr Messias werden gezwungen, ein bekanntes Schmähbild nachzustellen: das der »Judensau«. Für seine Inszenierung werden sie dazu gezwungen, sich unter eine Sau zu legen, an ihren Zitzen zu saugen und ihre Exkremente zu essen: ein Schmähbild, das im Spätmittelalter weit verbreitet und als Steinrelief an vielen Kirchen zu sehen war – wie etwa an der Nürnberger Kirche St. Sebald. Es ist besonders demütigend, weil das Schwein im Judentum als unrein gilt und in der christlichen Tradition mit dem Teufel assoziiert wird. Das Spiel Der Juden Messias zielt darauf ab, die jüdische Minderheit in der Stadt als bedrohlich zu diffamieren und für ihre Vertreibung Rückhalt in der Bevölkerung zu schaffen. In den darauffolgenden Jahren wird dies zur bitteren Wirklichkeit: Der Stadtrat erhält die königliche Genehmigung, die jüdischen Bewohner*innen zu enteignen und aus der Stadt zu vertreiben. 1499 verlassen die letzten Jüdinnen und Juden Nürnberg.

Hintergrundbild: Darstellung Nürenbergs – Michael Wolgemut and Wilhelm Pleydenwurff, 1493; rechts: Blockbuch-Darstellung der Judensau, 15. Jh.
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