Erdbeben
am Golf
von Neapel

   Erdbeben
am Golf
   von Neapel

Bedrohte
  Idylle

Jonas Borsch und Laura Carrara

Erdbeben gehörten für die Menschen im Mittelmeerraum zu den verbreiteten Erfahrungen. Solche Ereignisse stellten die damaligen Gesellschaften vor besondere Herausforderungen. Nicht nur erschwerten langsame Kommunikations- und Transportwege eine effektive Nothilfe. Es wurden auch viele Fragen aufgeworfen: Waren Erdbebenkatastrophen göttliches Werk oder naturwissenschaftlich erklärbares Phänomen – oder beides? Und was war in diesem Szenario die Rolle der Menschen? Sollten sie die Katastrophe fatalistisch hinnehmen oder sich für eine aktive Prävention einsetzen? In der zerstörten Heimat bleiben oder fliehen?

Panik am Vesuv

Die Region Kampanien ist bis heute eine der am stärksten durch Naturrisiken gefährdeten Zonen Italiens. Ihre antiken Bewohner jedoch ahnten von dem unter der Erde lauernden Gefahrenpotenzial nichts. Sie erfreuten sich an dem fruchtbaren Boden und der malerischen Küstenlandschaft, die in den Sommermonaten zahlreiche Urlauber anzog. In hoher Dichte reihten sich dort Villen, Thermen, Gärten und Theater aneinander, die der römischen Oberschicht (darunter manchem Kaiser) den Aufenthalt versüßten.

Im Jahr 62 n. Chr. wurde diese Idylle jedoch durch ein schweres Erdbeben plötzlich erschüttert. Mehrere Orte, insbesondere Pompeji am Osthang des Vesuvs, wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Die außerordentliche Stärke der Erdstöße versetzte viele Menschen in Panik. Durch eine Schrift des Philosophen Lucius Annaeus Seneca sind wir über die Debatten informiert, die dieses Ereignis auslöste. War es möglich, die vermeintliche Idylle wieder ins Leben zu rufen, oder war es vernünftiger, dem Golf den Rücken zu kehren?

Was bedroht uns?

In seiner Schrift Naturales Quaestiones dient das Erdbeben in Kampanien Seneca als archetypisches Beispiel für die schreckliche Wirkung, die das Auftreten eines Erdbebens auf Menschen entfalten kann. Erdbeben sind für den Philosophen besonders schreckliche Formen der Bedrohung: »Denn was kann man noch für sicher halten, wenn sogar die Welt erzittert und ihre festesten Teile wanken?« (Seneca, naturales quaestiones VI 1,4) Erdbeben bedrohten aber nicht nur kurzfristig Leib und Leben jedes Einzelnen, sondern darüber hinaus mittelfristig auch die Fortexistenz ganzer Gemeinschaften. Im Falle des Bebens in Kampanien empfand Seneca die Situation auch deswegen als besonders prekär, weil die Sommervillen vieler römischer Aristokraten – und damit seiner Standesgenossen – direkt betroffen waren.

AUDIO-AUSZUG aus Senecas
»Naturales Quaestiones«
00:00 — Auszug aus Senecas »Naturales Quaestiones«

Wer sind wir?

Seneca konzentriert sich in seiner Untersuchung auf die Folgen des Erdbebens für die römische Oberschicht, an die sich auch seine Schrift richtet. Indem er die Region Kampanien als von allen gekannter und geliebter Erholungsort beschreibt, greift er auf einen gemeinsamen Erfahrungs- und Wertehorizont zurück, über den ein Gemeinschaftsgefühl zwischen Autor, Opfern und Lesern erzeugt wird. Die Auswirkungen auf andere Bevölkerungsgruppen wie Landarbeiter, Handwerker oder Händler bleiben in Senecas Darstellung hingegen außen vor. Um Erkenntnisse über solche Gruppen zu gewinnen, müssen wir heute andere Zeugnisse – z. B. archäologische Befunde oder Inschriften – heranziehen.

Wandmalerei in einem reichen Privathaus
in Pompeji: Mars, Venus und Cupido
INFO Wiederherstellung
eines Idylls?

Wiederherstellung
eines Idylls?

Erste, wenngleich noch sehr unsystematische Ausgrabungen in Pompeji fanden bereits Anfang des 17. Jahrhunderts statt. Die Mauern der Stadt, die heute fast vollständig freigelegt und außergewöhnlich gut erhalten sind, weisen immer wieder notdürftig geflickte Risse und Ausbesserungen auf. Sie bezeugen somit noch deutlich das von Seneca beschriebene Erdbeben. In Pompeji lässt sich exemplarisch sehen, wie die Baumaßnahmen nach einem antiken Beben vorangingen. Der zentrale Platz der Stadt, das Forum, befand sich knapp zwei Jahrzehnte nach dem Ereignis noch immer im Umbau. Reiche Stadthäuser waren langfristig in Läden und Werkstätten umgebaut worden, was man als Versuch identifiziert hat, einer zunehmenden Zahl von in der Stadt tätigen Arbeitskräften eine adäquate Infrastruktur zu bieten. Gleichzeitig hatten offenbar viele Angehörige der Oberschicht – entgegen Senecas Empfehlung – Pompeji den Rücken gekehrt. Damit scheint sich durch das Erdbeben mittelfristig die städtische Sozialstruktur verändert zu haben.

Bild: Wandmalereien in der Villa Oplontis, Villa von Poppea Sabina (Frau Neros), verlassen nach dem Erdbeben 62 n. Chr.

Was brauchen wir?

Die stark verunsicherten Betroffenen brauchten aus Senecas Sicht dringend eine Erklärung für das schreckliche Geschehen, um es angemessen zu verarbeiten. Er selbst spricht sich dafür aus, die Ursache nicht bei den Göttern zu suchen, um sich dadurch von der Angst einer überirdischen Bestrafung freizumachen. In seinem Traktat plädiert er stattdessen dafür, die Ursache in der Natur zu sehen und diskutiert verschiedenste Erklärungsmodelle für tektonische Bewegungen. Nach Ansicht der antiken Wissenschaft sind Erdbeben Folgen von unterirdischen Bewegungen; als Quelle dieser Bewegungen sind entweder sich unter dem Boden befindende Wassermassen, Feuer oder Erdblöcke, insbesondere aber – das ist die in der Antike meist verbreitete und auch von Seneca akzeptierte Erklärung – gewaltige Luftströmungen vermutet worden. Senecas didaktisches Ziel besteht darin, seinen Mitmenschen durch solcherlei Erkenntnisgewinn und durch einen rationalen Umgang mit Beweisen und Gegenbeweisen bezüglich der Ursachen von Erdstößen einen furchtfreien Umgang mit zukünftigen Erdbeben zu ermöglichen. Inwiefern die Bewohner abseits dieser abstrakten philosophischen Ratschläge auch konkrete Unterstützung erhielt – etwa durch die Entsendung von Geldern aus Rom –, ist aus den Quellen nicht zu erfahren. Aufgrund der Erwähnung des Bebens durch den kaiserlichen Berater Seneca kann man vielleicht vermuten, dass die Betroffenen in Rom vorsprachen – falls dem so war, waren ihre Bitten jedoch von geringem Erfolg gekrönt.

Bild: Modell der Stadt Pompeji
VERGLEICH Macht und Ohnmacht
in bedrohten Ordnungen

Was tun wir?

Als Handlungsmöglichkeiten diskutiert Seneca zwei radikale Optionen: Entweder könne man die Gegend dauerhaft verlassen oder vor Ort bleiben und das Unglück stoisch ertragen – da solche Schicksalsschläge schließlich überall auf der Welt unangekündigt auftreten könnten. Seiner philosophischen Überzeugung entsprechend führt er die Vorteile der stoischen Haltung vor Augen. Die Bewältigung der materiellen Folgen des bereits eingetretenen Unglückes liegt außerhalb des Fokus seiner Betrachtungen. Dass diese Bewältigung die Städte vor erhebliche Probleme stellte, wissen wir durch die modernen Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum. Als die beiden Städte 17 Jahre nach dem Beben durch den berühmten Ausbruch des Vesuv verschüttet (und für die Nachwelt konserviert) wurden, waren die Wiederaufbauarbeiten noch im Gange: Auf dem Forum stapelten sich noch die Baumaterialien; anderswo waren ehemals reich ausgestattete Wohnhäuser langfristig umgestaltet worden – womöglich, um die vielen Arbeitskräfte zu versorgen, die sich hier dauerhaft eingerichtet hatten. Von den Angehörigen der Oberschicht hingegen scheinen sich viele aus Pompeji zurückgezogen zu haben. Diejenigen aber, die Senecas Rat, vor Ort zu bleiben, gefolgt waren, sollten zu Opfern des Vulkans werden.

links: Eingangsbereich zum „Gebäude der Eumachia“, Forum von Pompeji; Hintergrund: Plan des Forums von Pompeji, 1849
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