Ordnungssuche
im Frankenreich

   Ordnungssuche
im Frankenreich

Bedrohung
   durch extreme
Wetterphänomene

Elena Ziegler

Als Karl der Große im Januar 814 starb, hinterließ er seinem Sohn und Nachfolger Ludwig dem Frommen ein Reich, dessen Grenzen vom Atlantik bis ins heutige Tschechien und von Mittelitalien bis an die Nordseeküste reichten. Die Regierungszeit Karls des Großen war von Kriegen geprägt, zugleich hatte er sich aber auch um die karolingische Reform, die eine kulturelle Blüte für das Frankenreich mit sich gebracht hatte, verdient gemacht. Ludwig der Fromme führte die Politik seines Vaters nach dessen Tod fort. Mit großem Enthusiasmus richtete er sein politisches Handeln darauf aus, dass ein jeder im Reich seinen gesellschaftlichen Platz kannte und die ihm damit zugeschriebene Rolle ausfüllte. Denn wenn Gott, so argumentierte man, mit den Menschen im Frankenreich und ihrem Lebenswandel zufrieden war, dann würde es allen gut gehen und das Reich prosperieren.

Bild: Ludwig der Fromme in einem Figurengedicht von Hrabanus Maurus, ca. 810 (Biblioteca Apostolica Vaticana)

Schlechtwetter
als himmlische Strafe?

Gott jedoch schien diese Bemühungen nicht zu honorieren: Mit Beginn des Jahres 820 setzte eine katastrophale Schlechtwetterperiode ein, die das fränkische Reich über mehrere Jahre bedrohte. Starkregen und Überschwemmungen, eisige Winter und Dürren stellten die Menschen vor unlösbare Probleme. Technische Hilfsmittel, eine entsprechende Vorratshaltung oder medizinische Kenntnisse waren kaum vorhanden und so konnten viele dem Hunger und den Krankheiten, die das schlechte Wetter nach sich zog, nichts entgegensetzen. Das heißt jedoch weder, dass die Menschen sich im 9. Jahrhundert keine Gedanken über die Ursachen der Bedrohung machten, noch dass sie nichts unternahmen, um sie abzuwenden.

Bild: Arbeiten im Weinberg, Stuttgarter Bilderpsalter, a. 820/30 (Württembergische Landesbibliothek Stuttgart)

Was bedroht uns?

Starkregen und Überschwemmungen, klirrende Kälte und unerbittliche Dürren, Epidemien bei Mensch und Tier, Missernten und Hunger – die Liste der Katastrophen, die das fränkische Reich zwischen den Jahren 820 und 824 heimsuchten, ist lang. Heute ist bekannt, dass die Wetterextreme zu einem großen Teil auf ungewöhnlich heftige vulkanische Aktivitäten zurückgeführt werden können, deren Auswirkungen in weiten Teilen Europas zu spüren waren.

Die Menschen des Frühmittelalters verfügten allerdings nicht über derartige naturwissenschaftliche Erkenntnisse. Dennoch suchten auch sie nach Erklärungen. Die schriftliche Überlieferung zeigt, dass der Kaiser und seine Getreuen sich intensiv damit befassten, wie es zu der Not gekommen war. Schnell waren sie sich darin einig, dass sie den Zorn Gottes auf sich gezogen hatten. Der fränkische Gelehrte Einhard wird in seinem Bericht über die Überführung der Gebeine der beiden Heiligen Marcellinus und Petrus von Rom nach Seligenstadt von 830 sehr deutlich und lässt durch einen Dämon namens Wiggo verkünden, dass es zu den Unglücken gekommen sei, »weil sich dieses Volk aus Trotz den Weisungen Gottes widersetzte«.

Bild: Mann mit leerer Karaffe, Stuttgarter Bilderpsalter, a. 820/30
(Württembergische Landesbibliothek Stuttgart)
INFO Die Vulkane
und das Wetter

Die Vulkane
und das Wetter

Vulkane bringen bei Ausbrüchen nicht nur Magma an die Erdoberfläche, auch feinste Partikel aus Asche und Schwefelverbindungen werden dabei in die Luft gespien. Solche Emissionen können über Jahre hinweg das globale Klima beeinflussen. Die Schwebeteilchen bilden dabei gemeinsam mit Wasserteilchen Aerosole, die als Wolke die Sonneneinstrahlungen reduzieren. Die Folgen sind eine Verdunklung des Himmels, eine Abkühlung der Atmosphäre sowie auch die vermehrte Bildung von Wolken, die wiederrum Niederschläge mit sich bringen.

Die Aerosole fallen nach einem Ausbruch einige Zeit später auf die Erde. In den arktischen Regionen wurden diese dabei gemeinsam mit dem herabfallenden Schnee im Eis der Gletscher konserviert. Mit Hilfe von Eiskernbohrungen können heute Schichten aus diesen Gletschern entnommen und auf ihren Sulfatgehalt hin untersucht werden. Plötzlich auftretende Spitzen des Sulfatgehalts in den Ablagerungen der einzelnen Jahre können darauf hinweisen, dass in diesen Jahren ein Vulkanausbruch stattfand, der in der Folge auch Auswirkungen auf das Wetter hatte.

Für das 9. Jahrhundert enthalten besonders die Schichten zu den Jahren 822 und 823 signifikant mehr Sulfate als die Schichten davor und danach. Gemeinsam mit weiteren Indizien deutet dies darauf hin, dass zwischen 820 und 824 ein Vulkan besonders aktiv war und damit auch das Wetter beeinflusste.

Wer sind wir?

Die Quellen, darunter auch der Mirakelbericht Einhards, sprechen die christianitas als die Verantwortlichen für die Wetterkatastrophen an. Bei der christianitas handelte es sich um die Gesamtheit aller Christen und hier im Speziellen um die Bewohner des Frankenreichs. Kurzum: Jeder gläubige Christ im Reich wurde nicht nur durch den Zorn Gottes bedroht, er sollte zudem auch Anteil daran haben, dass sich die Situation besserte. Schließlich waren es ja, wiederum laut Einhards Bericht, die »Verkommenheit dieses Volkes und der mannigfaltigen Vergehen derer, die über dem Volk stehen«, die in erster Linie zu den bestehenden Problemen geführt hatten. Die in der Bedrohung entworfene Identität umschloss so alle Menschen des Karolingerreichs als Christen, jedoch in hierarchischer Staffelung.

Bild: Gruppe Gläubige, Stuttgarter Bilderpsalter, a. 820/30
(Württembergische Landesbibliothek Stuttgart)
AUDIO-AUSZUG aus dem
Mirakelbericht Einhards
00:00 — Auszug aus dem Mirakelbericht Einhards

Was brauchen wir?

Die Bedrohung war für die Verantwortlichen recht schnell ausgemacht. Gleichzeitig wurden auch Forderungen laut, wie den Katastrophen begegnet werden sollte. Einstimmig wurde dafür plädiert, die Ordnung im Reich wiederherzustellen. Ludwig der Fromme erkannte die Gefahr als einer der Ersten und ihre Bekämpfung hatte für ihn oberste Priorität. Seine Anweisungen finden sich beispielsweise in einem Brief, den er 828 an die Mächtigen im Reich verschickte. Dort wies der Kaiser nicht nur auf die Wetterextreme zu Beginn des Jahrzehnts hin. Auch die Däneneinfälle im Norden und die Auseinandersetzungen mit den Mauren im Süden sowie den Ungarn im Osten bereiteten dem Reich seit der Mitte der 820er Jahre massive Probleme. Gott schien also nach Meinung des Herrschers keineswegs mit den Menschen im Reich zufrieden und prüfte diese wieder und wieder. Es gab demnach nur eine Möglichkeit den Problemen endlich Herr zu werden: Eine gottgefällige Ordnung musste her und musste nun auch eingehalten werden!

Im Hintergrund: St. Galler Klosterplan, frühes 9. Jahrhundert
BRIEF-AUSZUG von
Ludwig dem Frommen an
seine Getreuen
Quis enim non sentiat Deum nostris pravissimis actibus esse offensum et ad iracundiam provocatum, cum videat tot annis multifariis flagellis iram illius in regno nobis ab eo commisso desaevire, videlicet in fame continua, in mortalitate animalium, in pestilentia hominum, in sterilitate pene omnium frugum, et, ut ita dixerim, diversissimis morborum cladibus atque ingentibus penuriis populum istius regni miserabiliter vexatum et afflictum atque omni abundantia rerum quodam modo exinanitum? […] quotes

Denn wer hat nicht bemerkt, dass Gott durch unser unrechtes Handeln unzufrieden ist und dass infolge des herausgeforderten Zornes, wie man sieht, seit so vielen Jahren Gottes Groll mit allerlei Geißeln in dem von ihm uns anvertrauten Reich tobt, nämlich mit andauernder Hungersnot, mit Seuchen unter den Tieren, mit Epidemien unter den Menschen, mit Unfruchtbarkeit fast aller Feldfrüchte; und dass, so will ich sagen, das Volk dieses Reiches durch verschiedenstes Unheil an Krankheiten und durch ungeheuren Mangel erbärmlich gequält und niedergeschmettert ist und dass es seines gesamten materiellen Überflusses beraubt ist? […]

Was tun wir?

Bereits kurz nach dem Beginn der Wetterextreme tauchen erste Hinweise auf, dass der Kaiser und sein Hof versuchten, die Situation in den Griff zu bekommen. Ludwig ging dabei als Vorbild voran und übte bei der Synode in Attigny 822 Buße – offiziell, um sich mit seinen zuvor von ihm verstoßenen Brüdern wieder zu versöhnen. Auffällig ist jedoch der Zeitpunkt, zu dem dies geschah, hatte das Reich doch in den vorangegangenen Jahren schwer unter Wetterextremen gelitten. Wenn der Kaiser nun Buße tat, musste dies, da er ganz oben in der Hierarchie des Reichs stand, doch besonderen Eindruck auf Gott machen, oder nicht? Offenbar genügte dies jedoch nicht, denn auch die beiden folgenden Jahre brachten erneut schwere Unwetter mit sich.

Im Jahr 825 erließ Ludwig seine admonitio ad omnes regni ordines, also eine Ermahnung an alle Stände des Reichs. Darin legte er sein Konzept, dass ein jeder im Reich mitverantwortlich war für dessen Wohlergehen, in allen Einzelheiten dar. Auch die Bischöfe äußerten sich 829 mit der relatio episcoporum noch einmal zur Ordnung im Frankenreich und untersuchten ihrerseits, was Gottes Zorn hervorgerufen haben könnte.

Neben diesen Erlassen wurde auch auf anderen Wegen versucht, Ordnung zu schaffen. Aus ökonomischer Sicht schien es nun wichtig, Ordnung in Wirtschaftsbetrieben wie den Klöstern herzustellen, um mit Missernten und Hunger besser umgehen zu können. So wies Abt Adalhard von Corbie 822 in seinen Statuten zur Reform des Klosters Corbie an, indem er darin den klösterlichen Ablauf und die Verwaltung neu ordnete. Auch Güterverzeichnisse wurden nun intensiv für eine schriftliche Fixierung des Klosterbesitzes benutzt. Zu diesen zählt das Polyptychon von St. Germain-des-Prés. Die Abtei hielt darin ganz genau fest, wie groß die bäuerlichen Siedlungen waren, wer darin lebte und welche Abgaben diese Bauern an die Abtei zu leisten hatten.

Das Moment der Ordnung verlor auch in den folgenden Jahren nicht an Relevanz. Die Bedrohung durch Wetterkatastrophen war zwar bis auf einzelne Ereignisse abgeklungen, aber dennoch kam das Reich nicht zur Ruhe. Zweimal sollten seine Söhne gegen Ludwig rebellieren und auch der Bruderkrieg, der nach dessen Tod 840 entbrannte, stellte die Ordnung des Reichs ein ums andere Mal in Frage.

Links: Auszug aus Polyptychon von St. Germain-des-Prés, a. 823/29
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