erste
Börsencrashs in
London und Paris

  erste
Börsencrashs in
  London und Paris

 Bedrohung
am Finanzmarkt

Marlene Keßler und Rafael Streib

Im Jahr 1720 waren Paris und London Schauplätze der ersten Börsencrashs in der frühen Neuzeit, die als Mississippi- bzw. Südseeblase in die Geschichte eingehen sollten. Die Besitzer*innen von Staatsanleihen wurden massenweise dazu verlockt, diese gegen Aktien großer Kompanien einzutauschen. Aus Regierungssicht brachte dies gleich mehrere Vorteile mit sich: Die Fernhandelsgesellschaften konnten ihre Aktivitäten ausbauen, die Wirtschaft wurde angeregt und die Staatsverschuldung deutlich reduziert. Durch Marktmanipulationen und die Einführung von neuen, risikoreichen Spekulationsmöglichkeiten wie Optionen und Futures gelang es, eine Euphorie anzufachen, die die Aktienpreise bis auf das Zwanzigfache des Nominalwertes trieb.

Abbildung: Satirische Darstellung der Fortuna, die freizügig und freigiebig zugleich Aktien verteilt; Kupferstich (Ausschnitt), Bernard Picart, 1720.

Börsensturz in
Paris und London

Als die Kurse einbrachen, gerieten jene, die über ihre Möglichkeiten hinaus investiert hatten, in Bedrängnis. Kredite wurden nur noch spärlich vergeben, die Preise stiegen und das Geld wurde rar. Es kam zu Aufständen, Diebstahl griff um sich und sogar Selbstmorde sollen vorgekommen sein. In Frankreich wurde daraufhin die Schuldenumwandlung, so gut es möglich war, rückgängig gemacht. Die Spekulation wurde nun im Nachhinein als kriminelles Vergehen bewertet.

In England hingegen wurden die Direktoren der Südseekompanie als Verursacher der Blase beschuldigt und verurteilt, während der Aktienhandel ungebrochen weiterging. Die Ereignisse schlugen sich europaweit in einer Flut von Pamphleten und satirischen Drucken nieder, die die Spekulation als karnevaleskes, kaum begreifliches Phänomen menschlicher Verrücktheit darstellten. Anhand der Aufzeichnungen zweier Aktienhändler, Jean Vercour in Paris und John Evelyn in London, lassen sich heute die Wirren des Börsencrashs von 1720 nachvollziehen.

Bild: Southsea House in der Bishopsgate Street in London – Thomas Bowles, 1754

Was bedroht uns?

Jean Vercour, ein Kaufmann aus dem (heute belgischen) Lüttich, reiste im Herbst 1719 nach Paris, um sich im neuaufgekommenen Aktienhandel zu versuchen. Von Anfang an beunruhigten ihn die starken Kursschwankungen und die neuartigen, hohen Risiken. Der Aktienhandel bedeutete für ihn auch eine Belastungsprobe seiner sozialen bzw. geschäftlichen Beziehungen. Vercour hatte sich vor seiner Anreise Mitinvestoren gesucht, die ihn unter großen Erfolgsdruck setzten. Weit vom Geschehen entfernt, zeigten sie wenig Verständnis für Vercours Schwierigkeiten, erfolgreich zu spekulieren. So machte Vercours wichtigster Mitinvestor ihm schwere Vorwürfe, nachdem er eine positive Kursentwicklung nicht ausgenützt hatte.

John Evelyn, der in London mit Aktien handelte, war unabhängiger, doch auch für seine Entscheidungen waren Ratschläge von Vertrauenspersonen ausschlaggebend. So hielt ihn die Empfehlung eines guten Freundes, der versicherte, die Kurse würden steigen, von einem rechtzeitigen Verkauf ab.

Am Ende machten sowohl Vercour als auch Evelyn mit der Spekulation Verluste. Die Ausmaße waren jedoch unterschiedlich: Evelyn hatte für sein Anlagevermögen Land verkauft, der Verlust dieses Kapitals hätte für ihn aber noch längst nicht den finanziellen Ruin nahe. Vercour hingegen sah sich in seiner Existenz bedroht, sollte es ihm nicht gelingen, das Papiergeld, das er für seine Aktienverkäufe erhielt, ohne Verluste in Münzgeld umzuwandeln oder es sinnvoll zu reinvestieren.

Hintergrundbild: Aktie der South-Sea-Company, datiert 30. April 1730
BRIEF-AUSZUG Jean Vercour an
Ferdinand Dellesem, 18.12.1719
[P]ermettez moy de vous dire a present en amitie combien il est sensible piquant et desolent pour moy de me voir reprocher de vous avec tant de feu une affaire si bonne puisque le profit etoit de £ 14 000 a peu pres pour vous seulement […] vous m’engagez malgré moy dans une mechante affaire […] vous faiziez un sacrifice de mon honneur de mon bien et de ma santé qui est le plus gros d’ailleur de me trouver obligé de rester icy, en me mangeant le cœur au lieu de pain
Staatsarchiv Lüttich, Banque Sauvage-Vercour, Registre 3.
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»Erlaubt mir, Euch freundschaftlich mitzuteilen, wie sehr es mich trifft und verletzt, dass ich mich solch energischen Vorwürfen eurerseits ausgesetzt sehe, und das angesichts eines so gutes Geschäft, bei dem der Profit für euch allein immerhin fast 14 000 Livre betrug […] Ihr bringt mich wider meinen Willen in ein schlechtes Geschäft […] Ihr habt meine Ehre, mein Vermögen und meine Gesundheit [euren Zielen] geopfert, und am schlimmsten ist, dass ich mich gezwungen sehe, weiter hier [in Paris] zu bleiben, wo ich mir statt Brot das Herz verspeise«

Wer sind wir?

Jean Vercour erklärte sich sein Scheitern als Spekulant einerseits auf individueller Ebene: Er glaubte, dass es ihm an Scharfsinn gemangelt habe, um im undurchsichtigen Aktienhandel zu bestehen. Andererseits rechtfertigte Vercour sein Scheitern auch damit, dass er erst auf den Druck seines Mitinvestors hin – wider besseren Wissens – erneut investiert hatte. Er war überzeugt, dass er andernfalls Erfolg gehabt hätte. Abstrakte Überlegungen zu Schuldfragen stellte er nicht an, offenbar war er sich nicht oder kaum bewusst, dass er zum Opfer von Marktmanipulationen geworden war. Stattdessen blieben die Erklärungen, die Vercour fand, ganz der Ebene von persönlichen Beziehungen verhaftet.

John Evelyn hingegen fühlte sich von der Kompanie betrogen und damit als Teil einer Gruppe der »Opfer«. Trotz des Misserfolgs zweifelte er nicht an sich selbst. Er glaubte, dass es eben nicht Gottes Wille entsprochen habe, dass er auf diese Weise zu einem Vermögen kommen sollte.

Bild: Die Rue Quincampoix war Zentrum des Aktienhandels in Paris, 1720 – Kupferstich von Antoine Humblot
VIDEO Rafael Streib
über seine Forschung

Was brauchen wir?

Die Bedürfnisse Vercours wie Evelyns waren vorrangig ökonomischer Natur, verknüpften sich jedoch auch mit politischen Erwartungen. Jean Vercour bat seine Gläubiger, Verständnis für seine Lage zu zeigen, ihm Zeit zu geben und darauf zu vertrauen, dass er seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen werde. Er hoffte außerdem, dass der französische König wenn auch nicht für die Aktien, so doch für das ausgegebene Papiergeld garantieren würde. Wichtig war für ihn wie für andere Kaufleute insofern wirtschaftliche Stabilität und Klarheit. Vercours Hoffnung, der König bzw. Philipp II. von Orléans, der für diesen regierte, werde den Wertverfall nicht zulassen, schwand immer mehr, bis er schließlich nur noch auf die Barmherzigkeit Gottes setzte.

John Evelyn wartete nach dem Crash zunächst ab, ob die Kurse wieder steigen würden. Er vermutete, dass der Staat Maßnahmen ergreifen würde und die für den Kursverfall verantwortlichen Personen identifiziert würden.

Hintergrundbild: Satirische Darstellung der South Sea Bubble, 1721 – William Hogarth; rechts: Portrait von Philip von Orléans, dem französischen Regenten, 1717 – Jean-Baptiste Santerre
TAGEBUCH-AUSZUG von
John Evelyn vom 03. April 1721
Ich ging zum Haus der South Sea Kompanie, um meine Dividende zu erhalten, zusammen mit meinem Ältesten, der für die Osterferien nach Hause gekommen war, und zeigte ihm die Räume voller Sekretäre und Kontenbücher und den Ort, der so verhängnisvoll für die Nation gewesen ist.
Zitat: BL ADD MS 78514, f. 25
Bild: Microcosm of London Plate 101, South Sea House, Dividend Halle
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Was tun wir?

Vercour hatte sich ursprünglich zum Ziel gesetzt, baldmöglichst mit sicherem Gewinn aus dem Aktienhandel auszusteigen und die Risiken bis dahin klein zu halten. Es gelang ihm aber nicht, diese Strategie umzusetzen. Er verkaufte seine Aktien erst, als allseits Misstrauen gegenüber dem Börsenhandel um sich griff. Die Wechselkurse waren zu diesem Zeitpunkt bereits eingebrochen und erholten sich nicht mehr, sodass er sein Geld nur mit großen Verlusten hätte zurückholen können. Vercour hielt daraufhin nach einer Investitionsmöglichkeit in Frankreich Ausschau, schweren Herzens allerdings, da dies bedeutete, Heimat und Familie dauerhaft zu verlassen. Schließlich bot sich eine Gelegenheit, sich in Paris als Bierbrauer niederzulassen. Jean Vercour wandte sich damit nach dem Crash von frühkapitalistischen Finanzinstrumenten ab und wagte den Neuanfang. Auch dieser misslang ihm jedoch: Sein Bier soll von schlechter Qualität gewesen sein und als er Ende 1721 starb, wurde sein Vermögen gepfändet, um die zahlreichen Gläubiger zufriedenzustellen.

Evelyn hingegen bemühte sich, direkt auf die Politik einzuwirken: Er schloss sich einer Petition an das Parlament an, in der die Direktoren der Südseekompanie für den Crash verantwortlich gemacht wurden. Glücklicherweise konnte John Evelyn nach dem Crash auf das Vermögen seiner Frau und neue Kredite von einem Freund zurückgreifen und so finanzielle Engpässe vermeiden. Seine soziale Reputation erlitt keinen Schaden. Er zog nach London und trat schließlich das angesehene Amt eines Commissioner of Customs an, das er anschließend für vierzig Jahre innehaben sollte.

Links: Ausschnitt aus dem Briefbuch Jean Vercours
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