End of Empire –
das Ende einer
imperialen Ordnung

    End of Empire –
das Ende einer
  imperialen Ordnung

Mother had
deserted

Miriam Adler, Sabrina Jost, Sebastian Koch

„Mother had deserted“, „New Zealand has lost access to Queen“ oder „Britain goes home. A sad day for US ALL“ – so titelten Tageszeitungen in Australien, Kanada und Neuseeland in den 1960er und 1970er Jahren. Der Anlass: Großbritannien versuchte seit 1961 der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) beizutreten. Das ‘Mutterland’ schien sich von seiner ‘weißen’ Empire-Familie abzuwenden! London – die kulturelle Heimat der ‚wahren’ Australier*innen, Kanadier*innen und Neuseeländer*innen schien in weite Ferne zu rücken. Was war nur aus der glorreichen Zeit unter dem Empire geworden? Schließlich hatte man Weltkriege an der Seite des ‘Mutterlandes' durchgestanden. Was sollte aus den drei Ländern werden, deren kulturelles, wirtschaftliches und auch politisches Leben traditionell unter britischem Vorzeichen stand? Wie konnte man Australier*in, Neuseeländer*in oder Kanadier*in sein, ohne Australian-, New Zealand- oder Canadian-Briton zu sein? 

Das Ende einer Imperialen Ordnung

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war das britische Empire wirtschaftlich angeschlagen. Mit seinen nach Freiheit strebenden Kolonien wirkte es zudem unzeitgemäß. Nicht jedoch für Australien, Kanada und Neuseeland! Den Wandel des British Commonwealth of Nations – dem exklusiven Club der ‘weißen’ Siedlerkolonien – hin zum vielfältigeren Commonwealth of Nations mit neuen Mitgliedern wie Indien (1947) hatten ihre Premierminister nur zähneknirschend hingenommen. Viele bevorzugten weiterhin den Begriff des Empire. Als sogenannte Dominions waren die Länder im Gegensatz zu den Kolonien zwar formell eigenständig, aber sie verehrten auch nach 1945 eine Flagge, die den Union Jack enthielt, sangen God Save the King/ Queen und verstanden sich auch kulturell vornehmlich als British. Dieses Selbstverständnis geriet ab den 1960er Jahren in die Krise. Dass Großbritannien Teil der EWG werden wollte, machte eines deutlich: Das „Mutterland“ beabsichtigte, seiner Empire-Familie den Rücken zuzukehren. 

Was bedroht uns?

Als sich Großbritannien 1961 erstmalig um eine Mitgliedschaft in der EWG bewarb, waren Kanadier*innen, Australier*innen und Neuseeländer*innen schockiert. Die Hinwendung des „Mutterlandes“ zu Europa wirkte auf sie in vielerlei Hinsicht bedrohlich. Großbritannien war ihr größter wirtschaftlicher Absatzmarkt und nun drohten neue Zollschranken. Auch das kulturelle Selbstverständnis der ehemaligen Dominions geriet ins Wanken und eine fundamentale Verunsicherung setzte ein: Hatte das britische „Mutterland“ das Interesse an seiner weißen Empire-Familie verloren? Wut, Enttäuschung und Unglaube waren Reaktionen auf die neue Situation an britischen Flughäfen Anfang der 1970er Jahre. Während Europäer*innen nun einfach nach Großbritannien einreisen durften, mussten australische, kanadische und neuseeländische Staatsangehörige nun mit Reisenden aus allen Teilen der Welt in der Reihe zu warten, die früher den ‚Ausländern’ vorbestimmt war. Manche sahen in diesen Entwicklungen auch etwas Positives: Gerade die jüngere Generation, aber auch indigene Akteure*innen und selbsterklärte Nationalist*innen empfanden die Abwendung Großbritanniens nicht als Bedrohung. Vielmehr sahen sie es als eine Möglichkeit, eine ‚eigene’ – von Großbritannien und dem Empire unabhängige – Identität zu finden und zu entfalten.

Karikatur MacMillan im Bett mit Europa
(Aus: Observer, 10.06.1962)

Wer sind wir?

Australier*innen, Neuseeländer*innen und Kanadier*innen hatten sich stets als einen festen Teil der britischen Welt verstanden und fühlten sich der britischen Kultur und den britischen Traditionen eng verbunden. Die Erfahrungen, die ihre britischen Vorfahren als Siedler*innen in einem fremden Land – vermeintlich fernab sozialer Ungleichheiten – gemacht hatten, wirkten lange nach: In Australien, Neuseeland und Kanada glaubten viele, sie wären „better Britons“, die besseren Briten. Ab den 1960er Jahren sollte diese Selbstauffassung in die Krise geraten. Mit dem Brüchigwerden ihrer britischen Identität standen viele vor der Frage, wer man denn überhaupt noch sei? 

Von einigen wurde das hingegen auch als Chance gesehen. Sie versuchten ein neues Gruppengefühl zu erzeugen, indem sie die Besonderheiten des jeweiligen Landes stärker in den Mittelpunkt rückten. Lebten in Australien nicht auch Aboriginals? Gab es in Neuseeland nicht seit jeher ein scheinbar besonderes Verhältnis zwischen weißen Einwander*innen und Maori? Handelte es sich bei Kanada nicht um ein Land, das in besonderer Weise durch seine Nähe zu den USA sowie durch seine französischstämmige Minderheit in Québec geprägt war?

"The Empire Needs Men", Rekrutierungsplakat
für den Ersten Weltkrieg
Rede Der neuseeländische Historiker
J. G. A. Pocock über die Folgen
der Abwendung Großbritanniens
[…]; so that after all those generations in which you had allowed the notion of empire to shape your identity (or so you know tell us, by way of justifying what you do now, since you no longer have the Empire), we were to learn that you cared as little for our past as for our future. […] In effect, you threw your identity, as well as ours, into a condition of contingency, in which you have to decide whether it is possible to be both British and European (given that you do not particularly believe in either), while we have to decide in what sense if any we continue to be British or have a British history. You did not pause to consider what you were doing to us – but you did it to yourselves at the same time.
J. G. A. Pocock: Contingency, identity, sovereignty, in: Alexander Grant, Keith J. Stringer (Hgg.): Uniting the Kingdom? The Making of British History, London 1995
quotes

"[…]; nach all den Generationen, in denen ihr es zugelassen habt, dass der Begriff des Empires eure Identität prägt […], sollten wir also erfahren, dass ihr euch genauso wenig um unsere Vergangenheit wie um unsere Zukunft schert. Damit haben sie ihre und unsere Identität in einen Zustand der Bedingtheit versetzt, in dem sie entscheiden müssen, ob es möglich ist, gleichzeitig britisch und europäisch zu sein […], während wir entscheiden müssen, in welchem Sinn – wenn überhaupt – wir britisch sind oder eine britische Geschichte haben. Ihr habt nicht darüber nachgedacht, was ihr uns antut – aber ihr tut es gleichzeitig euch selbst an." 

Was brauchen wir?

Die Umstände und die britische Regierung, so konnten Leser*innen 1973 einer neuseeländischen Tageszeitung entnehmen, hätten eines klar gemacht: Auf Großbritannien war kein Verlass mehr! Auch wenn die meisten Neuseeländer*innen weiterhin eine sehr spezielle Beziehung zum britischen Mutterland empfinden würden, sei es dennoch an der Zeit, eine eigenständige neuseeländische Identität zu entwickeln. Fast identisch im Wortlaut hatte der australische Premierminister Harold Holt die Situation seines Landes knapp zehn Jahre zuvor beschrieben. Australien habe völlig überraschend lernen müssen, sich wie eine ‚erwachsene’ Nation zu verhalten. Auch in Kanada waren ‚neue’ Identitätskonzepte, unabhängig von den ‚alten’ – britisch geprägten – Vorstellungen hoch im Kurs. Gerade in Kanada spürten die Akteure*innen einen dringenden Handlungsbedarf: Bedingt durch den starken Einfluss des US-amerikanischen Nachbarn, die Abspaltungsversuche des französischsprachigen Québecs, sowie das End of Empire stand hier das Überleben der gesamten Nation auf dem Spiel. In allen drei Ländern wurden multikulturelle Identitätskonzepte zunehmend attraktiv. Sie versprachen eine Lösung der Identitätskrise, mit der sich zudem auch bisher ausgeschlossene kulturelle Gruppierungen identifizieren konnten.

Bild: Harold Holt, australischer Premierminister (links), 1966
Lester B. Pearson, kanadischer Premierminister (rechts), 1965
REDE Rede von
Holt und Pearson
“We in Australia have been jolted by events to adulthood in circumstances of such complexity as to call for a maturity and understanding perhaps as has not been expected of us in earlier periods of our history.”

“I think it is time to have a little more pride in what we have done and what we are doing, and faith in what we can do, in this country; and the Canada of the founding races, French speaking and English-speaking, to whom have been added the representatives of every race in the world. Out of this we are building something different, and I think, and hope, something better. A multi-racial society which comes together as Canadian.” 
Harold Holt, australischer Premierminister, 1966
Lester B. Pearson, kanadischer Premierminister, 1965
quotes

"Wir in Australien sind aufgeschreckt durch die Ereignisse zum ‘Erwachsenwerden’, die so komplex sind, dass sie eine Reife und ein Verständnis erfordern, wie man es in vorangegangen Zeiten unserer Geschichte nicht von uns erwartet hat."

"Ich denke, es ist an der Zeit, ein wenig mehr Stolz auf das zu sein, was wir geleistet haben und wir nach wie vor leisten, und ein wenig mehr Glauben an das zu haben, was wir tun können in diesem Land; das Kanada der Gründervölker, der französischsprachigen und englischsprachigen, zu denen sich die Vertreter aller Völker der Welt gesellt haben. Ich denke, und hoffe, dass wir daraus etwas anderes erbauen, etwas Besseres. Eine multi-ethnische Gesellschaft, die als kanadische Gesellschaft zusammenkommt."

Was tun wir?

Abhilfe für den dringenden Bedarf nach ‚eigenen’ Identitätskonzepten sollte der sogenannte New Nationalism schaffen. Er stand für ein ‚neues‘ und vielfältigeres Selbstbild. 1972 führten die Labo(u)r-Politiker Gough Whitlam (Australien) und Norman Kirk (Neuseeland) gleichzeitig sehr erfolgreiche Wahlkämpfe, die ganz im Zeichen dieses New Nationalism standen. Mit dem dazugehörigen Motto „It’s Time“ versprachen sie den Aufbruch. Immer wieder sollten die ehemaligen ‘weißen’ Siedlerkolonien jedoch über ihr britisches Erbe stolpern. Eine australische Boomerang-Performance wurde dem Publikum der Expo-Ausstellung 1967 nicht etwa von einem*r Aboriginal, sondern von dem 70-jährigen weißen footballer Frank Donnellan präsentiert. Gegen diese Darstellung, die die Kultur der Aboriginals nur als oberflächlichen Zierrat für die ‚neue’ Identität Australiens nutzte, formierte sich massiver öffentlicher Widerstand der Aboriginals. Auch in Kanada und Neuseeland wuchs die Kritik der Indigenen an dem nach wie vor anhaltenden Rassismus. Ein glaubwürdiges multikulturelles Selbstbild der Nation, so kritisierten Indigene in allen drei Ländern, könne es nur dann geben, wenn man sich ernsthaft mit ihrem Leid und den Auswirkungen einer rassistisch geprägten Vergangenheit auseinandersetzte.

Bild: Der australische Politiker Gough Whitlam mit der
Sängerin Little Pattie, Labour-Wahlkampf 1972
AUDIO Wahlkampfsong
„It’s Time“
00:00 — Wahlkampfsong „It’s Time“
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