Kirchenreformen
in den Alpen

  Kirchenreformen
in den Alpen

Joseph II.
  klärt auf!

Dennis Schmidt

1780 wurde Kaiser Joseph II. zum alleinigen Regenten der Habsburgermonarchie. Damit schien das Zeitalter der Aufklärung auch dort endgültig anzubrechen – das war aber nicht für alle Menschen eine Verheißung, sondern für nicht wenige eine Bedrohung. Josephs Mutter Maria Theresia hatte schon mit einer umfassenden Reformpolitik begonnen, die sich auch auf die Kirche und das religiöse Leben erstreckte. Joseph II. verschärfte nun das Reformtempo mit spektakulären Maßnahmen im Sinne der Aufklärung: Aufhebung der Leibeigenschaft und Todesstrafe, Gewährung religiöser Toleranz sowie Beendigung der Zensur. Auch die Aufhebung hunderter Klöster und Eingriffe in Kirchenstrukturen gehörten dazu. Ein besonderes Interesse galt der Abschaffung barocker Frömmigkeitsformen, wie den Prozessionen, dem Wetterläuten oder dem Einkleiden von Marienstatuen in den Kirchen mit festlichen Gewändern.

Die entkleidete
Maria in Kappel

Besonders an diesen Reformmaßnahmen, die gewohnte Lebensweisen und Rituale der einfachen Bevölkerung antasteten, entzündeten sich jedoch Konflikte und teilweise offener Widerstand. Die gemischtsprachige Gemeinde Kappel (heute Bad Eisenkappel) im gebirgigen Südosten Kärntens ist dafür ein gutes Beispiel. Im Jahr 1788 wollten die lokalen Behörden unter anderem die Marienstatue in der Wallfahrtskirche Maria Dorn entkleiden und die Kirche komplett schließen, wogegen sich die Einwohner von Kappel entschieden wehrten. Die Behörden waren von der Renitenz überrascht und wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Sie erwogen zeitweise sogar den Einsatz des Militärs.

Bilder im Mantel: »L'Accordée de Village« von Jean-Baptiste Greuze, 1761 (links); »Kaiser Joseph II. und sein Stab im Lager bei Minkendorf« von Ferdinand Martin Quadal, 1788 (rechts)

Was bedroht uns?

Die Einwohner von Kappel sahen die konkrete Bedrohung darin, dass – auf Geheiß der Behörden – ihre wundertätige Marienstatue entkleidet und die Wallfahrtskirche Maria Dorn geschlossen werden sollte. Sie setzten diese Maßnahmen in Zusammenhang mit einer allgemeinen Bedrohungslage. Die Reformen im Geiste der Aufklärung bedrohten demnach »die« wahre Religion: ihre Religion. Das war in einer stark jenseitsorientierten Gesellschaft keine Kleinigkeit, gefährdete doch ein Verlust des rechten Glaubens nichts weniger als das ewige Seelenheil der Menschen. Den Kaiser selbst nahmen die Kappeler überraschenderweise jedoch in Schutz. Das Oberhaupt ihrer auch religiös begründeten Ordnung konnte in ihren Augen für die Reformen nicht verantwortlich sein, da dies den Sinn des Ganzen in Frage gestellt hätte. Die Kappeler vertraten daher die Auffassung, dass »sowas [d. s. die Reformmaßnahmen] nie der Befehl des Kaysers sein« konnte. Die Verantwortung verorteten sie vielmehr bei lokalen und regionalen Amtsträgern, wie dem Pfarrer oder vor allem dem Kreishauptmann in Klagenfurt. Sie erschienen als Betrüger und die eigentlichen Urheber der Bedrohung.

Links: Titelblatt aus dem Buch »Werden wir bald alle lutherisch werden?«, das die Angst vor einer Einführung des Protestantismus durch die aufgeklärten Reformen zeigt.
INFO Joseph II. und die Aufklärung

Joseph II.
und die Aufklärung

Die Reformen Josephs II. waren eng mit den Ideen der Aufklärung verknüpft. Das galt auch für das religiöse Leben, wobei es hier vor allem um eine Reinigung des Glaubens von – wie es zeitgenössisch hieß – Missbräuchen, Aberglauben und Vorurteilen ging. Zugleich waren die Reformen jedoch auch stark nützlichkeitsorientiert, die Wohlfahrt des Staates stand im Mittelpunkt. Das zeigt sich am Beispiel des Verbots von Wallfahrten. Von der katholischen Aufklärung wurden Wallfahrten als teilweise abergläubische Praktiken betrachtet, gleichzeitig senkten sie die wirtschaftliche Produktivität, da die Menschen in dieser Zeit nicht arbeiteten. So kamen mit dem Verbot der Wallfahrten, wie bei vielen anderen Reformen, religiös-ideelle und wirtschaftliche Motive zusammen.

»Kaiser Joseph II. und sein Bruder Leopold in Rom« von Pompeo Batoni, 1769. Das Bild zeigt Joseph (rechts), der seine Herrschaft auf die Aufklärung stützt. Das symbolisiert hier u.a. das Buch »Der Geist der Gesetze« des Aufklärers Charles de Montesquieu, das auf dem Tisch platziert ist.

Wer sind wir?

Die Einwohner von Kappel verstanden sich selbst vor allem als eine gute christliche, d. h. katholische Gemeinde, die Veränderungen ihres religiösen Lebensalltags entschieden ablehnte. Die Toleranz für Nichtkatholiken legten sie derart aus, dass dies auch Ihnen das Recht einräumte, frei über ihre Religion zu entscheiden und das sei nun einmal die Katholische. Neben dieser konfessionellen Identität betonten die Kappeler ihre Zusammengehörigkeit als Gemeinde. Sie wollten sich nicht auseinanderdividieren lassen und legten Wert darauf, dass entweder alle zusammen oder niemand mit den Amtsträgern sprach. So stärkte der Einsatz für den Erhalt der bekleideten Statue und die Kirche auch die Lokalidentität. Das galt ganz besonders für die Frauen, die als entschiedene Verteidigerinnen ihrer Statue auftraten und so auch nach außen als integraler Bestandteil der Gemeinde agierten. Eine Stärkung des Gemeinschaftsgefühls bedeutete andererseits eine Infragestellung ständischer Unterschiede, was wiederum der Pfarrer von Kappel bestürzt den Behörden berichtete.

Was brauchen wir?

Von größter Bedeutung war den Kappelern ihre Marienstatue, die ihnen himmlische Unterstützung sichern sollte. In einer Gesellschaft, in der auch die religiöse Lebenswelt durch das Prinzip des Gabentausches – man gibt etwas (hier Anbetung), erhält aber auch etwas (hier himmlische Unterstützung) – geprägt war, war das die wichtigste Ressource. Um diese zu erhalten, beteten die Kappeler häufig und hielten Prozessionen ab. Essentiell erschien ihnen auch, möglichst viele Bewohner für den Widerstand zu mobilisieren – Einigkeit als Gemeinde war angesichts des Machtgefälles gegenüber den obrigkeitlichen Stellen unerlässlich. Schließlich war eine zumindest rudimentäre Organisation über die eigenen Gemeindegrenzen hinaus erforderlich. So wurden Absprachen mit Nachbargemeinden wie Ebriach oder St. Margarethen getroffen. Auch ohne wirklich koordiniertes gemeinsames Vorgehen wurde Kappel zum Bezugspunkt für andere Gemeinden Unterkärntens, die sich ebenfalls gegen die Reformen zur Wehr setzten.

INFO Die Muttergottes in Kappel
Der örtliche Kaplan soll gepredigt haben:
»Nun wollen wir uns zu dir wenden, du schmerzhafte Mutter Gottes, die du jetzt bald deiner Kleider entblöset seyn wirst.« quotes

Was tun wir?

In erster Linie ging es darum, offiziell verbotene Frömmigkeitspraktiken weiterzuführen und deren Ende gar nicht erst zuzulassen – der Pfarrer wurde schlichtweg dazu gezwungen, sich daran zu beteiligen. Gleichzeitig hielt sich die Gemeinde immer bereit, mit allen Mitteln gegen die Schließung der Kirche und die Entkleidung der Marienstatue vorzugehen. Die Kappeler schienen ihr Ziel erreicht zu haben, als der Erzpriester – ein höherer Geistlicher zwischen Pfarrern und Bischof – ihnen und der Nachbargemeinde Ebriach unter »sanftem Druck« schriftlich zusicherte, »daß alles beym Alten bleibet.« Er war gemeinsam mit einem Beamten nach Kappel gereist, um dem dortigen Pfarrer Mut zuzusprechen. Im Gegensatz zu dem Beamten, der heftig verprügelt wurde, kam der Erzpriester körperlich weitgehend ungeschoren davon, musste sich danach aber für seine schriftliche Zusicherung gegenüber den weltlichen Behörden verantworten, weil er dazu überhaupt keine Kompetenzen besessen hatte. Tatsächlich ließen die Behörden aber nun von einer konsequenten Durchsetzung ihrer Verordnungen ab, was entscheidend mit dem Tod Josephs II. im Jahr 1790 zusammenhing. Unter dessen Nachfolger Leopold II. blieben viele Vorgaben zwar offiziell bestehen, wurden aber nicht mehr rigoros umgesetzt. So war es den Kappelern gelungen, viele Elemente ihrer alten Ordnung in die neue Zeit zu retten, sie auch in der nachfolgenden Ordnung zu erhalten.

Rechts: Schriftliche Zusicherung (für Ebriach) des Erzpriesters Johan Adam Melchior, 1788 (Kärntner Landesarchiv)
Audio Erzpriester Johann Adam Melchior
berichtet über die Stimmung in Kappel
00:00 — Erzpriester Johann Adam Melchior berichtet über die Stimmung in Kappel
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