Im Spannungsfeld
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Großmächte

   Im Spannungsfeld
europäischer
   Großmächte

Kosakischer
   Freiheitskampf
in der Ukraine

Chiara Kienhöfer, Sophia Kieß, Ingrid Schierle, Sophia Seez

Ab dem 15. Jahrhundert lebten auf dem Gebiet der heutigen Ukraine lose Verbände freier Grenzkrieger, die Kosaken. Sie konnten im 17. Jahrhundert eine dauerhafte, militärdemokratische Heeresorganisation mit einem gewählten Anführer, dem Hetman, etablieren. Dieses Hetmanat erhob sich gegen die polnische Herrschaft und stellte sich 1654 in Perejaslav unter die Protektion des Moskauer Zaren. In seiner inneren Organisation blieb es jedoch selbstständig. Dreizehn Jahre später wurde das Hetmanat dann aufgeteit: Nach Kriegen zwischen Polen und Moskau gingen die Gebiete am rechten Ufer des Flusses Dnipro an Polen, die linksufrigen und Kyjiv fielen an das Moskauer Reich.

Im Nordischen Krieg hatte der russische Zar kosakische Regimenter als Kanonenfutter verheizt. Das Hetmanat drohte zerrieben zu werden. Hetman Ivan Mazepa wechselte daraufhin auf die gegnerische Seite Schwedens. Für den Zar war das Hochverrat. Diese Deutung hält bis heute in Russland an. In der Ukraine gilt Mazepa wiederum als nationaler Held, der die kosakische Selbstbestimmung bewahren wollte.

Kosakische Freiheiten unter Druck

Kosakenverbände waren ein typisches Phänomen an den Grenzen im östlichen Europa. Sie entstanden am Ende des 15. und existierten bis ins 18. Jahrhundert hinein. Sie siedelten unter anderem an den Flüssen und den Steppengrenzen der heutigen Südukraine.

In der kosakischen Ordnung war das Grundprinzip der Wahl von Ämtern und des Hetmans fest verankert. Die Flucht leibeigener Bauern ins „freie Feld“ der Kosaken wurde zum Massenphänomen. Außenpolitisch etablierte sich das Hetmanat ab dem 17. Jahrhundert auch als internationaler Akteur. Um ihre Freiheiten zu bewahren, gingen die Kosaken oft wechselnde Allianzen mit verschiedenen Mächten ein. Im Zuge des absolutistischen Staatsausbaus des Russländischen Reiches war diese regionale Autonomie des Hetmanats allerdings zunehmend bedroht. So beeinflusste Zar Peter der Große etwa die Hetmanwahl und griff in die Kommandostruktur der kosakischen Heere ein. Kosakische Freiheiten und Traditionen kollidierten mit der Modernisierungspolitik im Russländischen Reich.

Was bedroht uns?

Im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) kämpften das Russländische Reich und Schweden unter wechselnden Allianzen um die Vormachtstellung im Ostseeraum. 1708 schienen die verbündeten Mächte Schweden und Polen das Kriegsgeschehen für sich zu entscheiden. Das Gebiet des Hetmanats wurde zum Kriegsschauplatz, während der Großteil der Kosakenregimenter auf fernen Schlachtfeldern im Norden eingesetzt wurde. Die kosakischen Reitertruppen erlitten schwere Verluste in den Feldzügen. Aufgrund dieser Kriegserfahrung und einer drohenden ausländischen Invasion fühlten sich die Kosaken vom Zaren, als ihrem Schutzherrn, im Stich gelassen.

Das geschah alles vor dem Hintergrund, dass die Verwaltungsreformen Peters des Großen die Herrschaft des Hetmans stark eingeschränkt hatten. Eine Reform der Kosakenregimenter und ihrer Kommandostruktur durch den Zaren stand unmittelbar bevor. Verpflichtende Arbeitsdienste der Kosaken beim Bau zarischer Festungen wurden durchgesetzt. Die Existenz des Hetmanats und das Überleben seiner Bevölkerung waren bedroht: Der Zar hatte die Anweisung erteilt, den heranrückenden schwedischen Truppen nichts Anderes als verbrannte Erde zu überlassen.

zitat Ivan Mazepa über
die Lage des Hetmanats

Ivan Mazepa über
die Lage des Hetmanats

„Deshalb hatte ich ihn [Peter den Großen] noch damals […] gebeten, uns 10 000 Mann aus seinem regulären Heer zur Unterstützung zu geben. Daraufhin hatte Ihre Majestät geantwortet: ‚Weder 10 000, noch 10 kann ich euch geben. Verteidigt euch selbst, so ihr könnt.‘“

„… wir sehen unser kleinrussisches Vaterland bereits im Zustand extremer Zerstörung, in dem die uns seit langem feindliche Macht Moskau […] nun den letzten Verlust unserer Rechte und Freiheiten verfügte […] und ohne unser Einverständnis kleinrussische Städte in ihren Herrschaftsbereich zu übernehmen begann und daraus unsere ausgeplünderte und ruinierte Bevölkerung verjagte und mit eigenen Truppen besiedelte.“

aus dem Kirchenslavischen von Ingrid Schierle.

Wer sind wir?

Ivan Mazepa wurde 1639 auf dem Gebiet der rechtsufrigen Ukraine in eine Adelsfamilie geboren. Er studierte an der Akademie in Kyjiv und am Warschauer Jesuitenkollegium und beherrschte mehrere Sprachen. Nach Studium und Auslandsreisen stand er im Dienst des polnischen Königs und später des Hetmans der rechtsufrigen Ukraine. Wegen persönlicher Auseinandersetzungen wechselte Mazepa ins linksufrige Hetmanat und wurde dort 1687 zum Hetman gewählt. Zar Peter der Große schätzte ihn als klugen Ratgeber und fähigen Feldherrn. Mit seinem Einverständnis besetzte Mazepa 1703 das unter polnischer Oberhoheit stehende rechtsufrige Hetmanat, um die beiden Teile zu vereinen. 

Die lange Herrschaft Ivan Mazepas von 1687-1708 prägte die Kultur des kosakischen Gemeinwesens und gilt als Blütezeit des Hetmanats. Mazepa förderte durch Bildung und Kirchenbau eine spezifische, kosakische Kultur. In dieser Zeit enstand der sogenannte Kosakenbarock, der Elemente westeuropäischer Baukunst aus dem rechtsufrigen Hetmanat integrierte.

Galerie Kosakische Symbole
in der Gegenwart

Kosakische Symbole
in der Gegenwart

Die kosakische Geschichte ist in der heutigen Ukraine auf vielen Ebenen präsent. Im ukrainischen Parlament in Kyjiv wurde 2001 zum zehnjährigen Jubiläum der Unabhängigkeit ein großes Gemälde mit dem Titel Staatsbildung aufgehängt. Darauf sind die Parlamentarier*innen von 1991 abgebildet, wie sie die blau-gelbe Flagge in das Parlamentsgebäude tragen. Eingerahmt werden sie von wichtigen Persönlichkeiten der ukrainischen Geschichte. Als Vertreter der demokratischen Tradition der Ukraine sind mehrere Kosaken am linken Bildrand dargestellt.

Der Rückgriff auf kosakische Traditionen in der aktuellen Staatssymbolik zeigt sich auch im Text der Nationalhymne. So lautet die letzte Zeile: „Seele und Leib werden wir für unsere Freiheit opfern, und wir werden zeigen, Brüder, dass wir zum Kosakengeschlecht gehören.“

Doch auch im Alltagsleben spielen kosakische Symbole eine wichtige Rolle. Mazepa und andere Hetmane zieren etwa die Hryvnja-Geldscheine und in der Werbung sind Kosaken ein beliebtes Motiv.

Was brauchen wir?

Angesichts der existentiellen Bedrohung im Nordischen Krieg war der Erhalt des Hetmanats von größter Dringlichkeit. Peter der Große lehnte Mazepas Bitte um militärische Unterstützung ab. Der Hetman wertete das als Bruch des zarischen Schutzversprechens von 1654. Mazepa suchte die Autonomie und traditionelle militärische Ordnung des Kosakenhetmanats wiederherzustellen, nachdem diese unter der Herrschaft Peters des Großen eingeschränkt und verletzt worden war. Der Wechsel auf die Seite Schwedens erschien Mazepa die einzige Möglichkeit zu sein, das Hetmanat zu erhalten und einen drohenden Aufstand zu verhindern. Jedoch stieß Mazepas Vorgehen nicht auf die nötige breite Unterstützung. Die kosakische Elite stand nicht einig hinter ihrem Hetman. Neben dem fehlenden Rückhalt in den eigenen Reihen hatte sich Mazepa auch in der Bewertung des militärischen Kräfteverhältnisses verkalkuliert. An der Seite des schwedischen Königs verlor er nicht nur den Krieg, sondern schließlich auch den Kampf um die kosakische Autonomie.

Galerie Der Kosakenmythos

Der Kosakenmythos

Kurz nach Mazepas Seitenwechsel wandte sich der Kriegsverlauf zu Gunsten des Zarenreiches. Die russländischen Truppen zerstörten 1708 die Residenz des Hetmans in Baturyn. Diese Tragödie von Baturyn ist bis heute im ukrainischen kulturellen Gedächtnis präsent. Ein Jahr später verloren Mazepa und der schwedische König die Schlacht bei Poltava und flohen ins osmanische Exil, wo der Hetman nur kurze Zeit später starb. Die Autonomie des Hetmanats wurde weiter eingeschränkt und 1764 schließlich durch Katharina die Große  aufgelöst.

Der Kosakenmythos lebt in der Kunst weiter, Mazepa tritt als Kunstfigur in einem Spannungsfeld auf: Während er in Tschaikowskis Oper Mazepa und bei Puschkin als Verräter dargestellt wird, wurde er in Westeuropa zum tragischen Helden der Romantik. Seine (angebliche) Affäre mit einer polnischen Adligen und die anschließende Flucht auf einem Pferd wurden von George Byron, Victor Hugo, Franz Liszt und Eugène Delacroix verarbeitet.  

Hetman Ivan Mazepa polarisiert noch heute die ukrainisch-russischen Geschichtspolitiken, „Mazepist“ ist ein gängiges Synonym für „Verräter“ in der anti-ukrainischen Propagandasprache Russlands.

Was tun wir?

In persönlichen Treffen und in Schreiben versuchte Ivan Mazepa die Unterstützung Peters des Großen zu gewinnen. Der Zar lehnte seine Gesuche ab, weswegen er Geheimverhandlungen mit Polen und Schweden begann. Bis kurz vor seinem Wechsel auf die Seite Schwedens beteuerte der Hetman immer wieder seine Treue zum Zaren. Mazepas Nachfolger Pylyp Orlyk arbeitete 1710 im osmanischen Exil eine Verfassung in lateinischer Sprache aus, die im Hetmanat unter russländischer Herrschaft aber nicht umsetzbar war. Diese sollte die kosakische Ordnung auf ein neues Fundament stellen und auf ewig festhalten. Sie beinhaltete ein Wahlprinzip für das Amt des Hetmans und die Mitglieder der Generalversammlung, die die unterschiedlichen Ranggruppen der Kosaken repräsentierten. Mit der Errichtung von drei getrennten Institutionen – Hetman, Generalversammlung und Generalgericht – nahm sie das Prinzip einer Gewaltenteilung vorweg.

Für das demokratische Selbstverständnis und Selbstbewusstsein in der Ukraine spielt diese Verfassung bis heute eine bedeutende Rolle. Präsident Volodymyr Zelensʼkyj kündigte im Juni 2022 in einer Rede an, Pylyp Orlyk und dessen Verfassung zum Schulstoff machen zu wollen.

Quelle Die Verfassung Pylyp Orlyks

Die Verfassung Pylyp Orlyks von 1710

„... sollen aus jedem Regiment einzelne ausgezeichnete Veteranen, erfahrene und wohlverdiente Männer mit Zustimmung des Hetmans in die konstituierende allgemeine Versammlung gewählt werden; dem gegenwärtigen durchlauchtigsten Hetman und seinen Nachfolgern kommt es zustatten, mit diesen ersten Generälen [primores], Obersten und General-Beratern sich [über die Unversehrtheit des Vaterlandes, sein allgemeines Wohl und über alle öffentlichen Angelegenheiten] zu beraten, nichts soll er ohne ihren vorhergehenden Rat und ihre Zustimmung bloß aus eigener Autorität beginnen, festsetzen und ausführen. Deshalb sollen nun zur Wahl des Hetmans in einstimmiger Entscheidung alle drei Generalversammlungen festgelegt werden, die jedes Jahr in der Hetman-Residenz abzuhalten sind."

Deutsche Übersetzung in: „Pakti i konstitucii“ ukrainsʼkoj kozacʼkoj deržavy (do 300-riččja ukladenija), Lʼviv 2011.
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